Second Life

Was ist Second Life?

 

Die einen nennen es 3D-Chat, die anderen ein Spiel und wieder andere virtuelle Welt. Vermutlich gibt es dazu noch andere Bezeichnungen, aber noch vielfältiger, als diese Bezeichnungen, sind die Erklärungen, was Second Life für einen selbst ist.

Manche nutzen es als Rollenspiel in allen möglichen Formen vom typischen Mittelalter oder Science Fiction RP bis zum virtuellen Vater Mutter Kind Spiel.

Manche bauen Gebäude oder erstellen ganze Landschaften, andere designen Klamotten, Schmuck, Frisuren, komplette Avatare, Möbel usw. Sie eröffnen Shops und verkaufen ihre

Waren an andere SL-Bewohner.

Dann spielt Kunst im allgemeinen und Musik im speziellen eine große Rolle. Es gibt Ausstellungen aller Art und für fast jeden Musikgeschmack gibt es Clubs. In den Clubs arbeiten DJ's, Tänzerinnen, Manager/Hosts und die Gäste kommen zum Tanzen.

(Tanzen? was soll denn der Quatsch? Darauf komme ich später noch zurück.)

Und nicht vergessen darf ich hier die Konzerte, da sie für mich ein wesentlicher Bestandteil von SL sind.

Es gibt aber noch viele andere Betätigungsfelder in SL, denn zusammenfassend kann man sagen, alles, was es im Real Life gibt, gibt es auch in irgendeiner Form in SL und noch mehr. Und auf die Frage "was ist Second Life?" gibt es nur eine Antwort.

Second Life ist das, was jeder Einzelne für sich daraus macht.

 

Wie kam ich zu Second Life?

 

Ich kam erst Mitte 2014 zu SL und gehöre damit zu den Spätstartern. Natürlich hatte ich auch früher schon mal von SL gehört, aber das ganze löste in mir einen Gedanken aus, den

sicher auch heute noch viele haben, die nie in SL aktiv waren. Nämlich den Gedanken "Zweites Leben? Was soll das?"

 

Und so befasste ich mich auch nicht weiter damit, bis ich eines Tages nach Videos suchte, die mit dem Musik machen zu tun hatten. Was das genau war, weiß ich gar nicht mehr. Aber mir wurde dann ein Video eingeblendet, bei dem es um ein Konzert in Second Life ging. Jemand spielte auf seiner Gitarre und sang dazu und er nahm sich dazu in einem Video auf. Gleichzeitig wurde aber gezeigt, was zu der Zeit in Second Life passierte. Dort stand nämlich sein Avatar ebenfalls mit Gitarre und spielte vor etwa 30 anderen Avataren, die entweder nur da standen oder tanzten.

 

Und das war dann der Zündfunke, den es brauchte, um mich für SL zu interessieren. Der Gedanke, mit meiner Musik aufzutreten, war faszinierend und so informierte ich mich erst mal etwa einen Tag lang über SL, bevor ich mich dann anmeldete.

 

Die ersten Schritte

 

Die ersten Schritte waren etwas eigenartig, da ich mich nach dem Aussuchen des Avatars erst mal in einem kleinen Landabschnitt wiederfand, der wohl dazu gedacht war, SL kennenzulernen. Da ich aber sofort in das erste Portal stapfte, dass mir ins Auge fiel, wurde ich sozusagen sofort ins kalte Wasser geworfen und ich musste ohne weitere Erklärungen meine ersten Erfahrungen machen.

Zunächst war es etwas gewöhnungsbedürftig, dass man im Normalfall nicht von einem Ort zum anderen lief, sondern sich meist teleportierte.

Ich schaute, welche Orte mir vorgeschlagen wurden und so kam ich relativ schnell auf die Kategorie "Clubs".

 

Das hatte mich dann schnell so gepackt, dass ich von einem Club zum andern sprang, dabei immer wieder staunte, wie unterschiedlich diese Clubs optisch aufgemacht waren und stellte fest, dass sie wie im Real Life auch, ganz unterschiedliche Besuchergruppen hatten. Unterschiedlich einerseits in den Klamotten, aber andererseits auch im Verhalten.

Denn in allen Clubs wurde ja mehr oder weniger gechattet. In manchen Clubs war es eher ruhig, in anderen wurde dummes Zeug geschrieben (meine bevorzugten Clubs) und in wieder anderen gab es eigentlich fast nur so eine Art Geschrei wie "YIPPIIIEEE", "KREISCH" und "PAAAARTYYYYY". Das ganze dann mit lustigen Sonderzeichen verziert.

 

Nach einigen Clubbesuchen fühlte ich mich dann auch schon wie ein alter Hase und dachte eigentlich, dass man mich auch nicht mehr so richtig als Neuling wahrnahm. Oh wie falsch ich damit lag. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass man mich an so vielen Verhaltensweisen, am Aussehen meines Avatars und nicht zuletzt auch daran, wie er sich bewegte, als absoluten Noob erkannte.

 

Zum Glück lernte ich in einem Club (das Bergwerk) schon nach kurzer Zeit sehr nette Leute kennen, die zu mir meinten "so kannst du nicht rumlaufen".

So besorgten sie mir erst mal einen vernünftigen Avatar und eine AO (mit der sich der Avatar natürlicher bewegt). So lief ich dann erst mal als tätowierter Rocker durch die Gegend. Nicht ganz mein bevorzugter Style, aber erstens muss man ja in SL nicht rumlaufen wie im RL und zweitens war ich so zumindest mal kein Noob mehr.

 

Die Clubzeit

 

Auf meine Clubzeit möchte ich hier noch ein wenig näher eingehen, da sie die ersten Monate meines SL-Daseins geprägt hat. Vorweg möchte ich sagen, dass ich auch heute noch Clubs in SL besuche, nur dass ich es statt jedem Abend, inzwischen nur noch etwa ein bis zwei mal in der Woche mache.

Aber zurück in die Vergangenheit. Nachdem ich viele Clubs kennenlernte, kam ich irgendwann mal ins Miami Vice. Wie der Name vermuten lässt, werden dort öfters die 80er gespielt, was mir sehr entgegen kommt. Allerdings kann es je nach Thema des Abends und welcher DJ/Djane gerade am Start ist auch komplett andere Musik geben.

Auf jeden Fall fand ich den Club sehr schön aufgemacht. Direkt am Strand gelegen mit Palmen umgeben und netten Tänzerinnen, die den Chat voran trieben, ohne ihn zuzuspammen, sorgte mit cooler Musik für eine angenehme Atmosphäre.

 

An dieser Stelle noch etwas zum Tanzen in den Clubs, worauf ich ja noch zurückkommen wollte. Wenn man im Real Life selbst öfter mal Tanzen war und keine Erfahrungen mit virtuellen Welten hat, dann wirkt der Gedanke, als Avatar in einem Club zu tanzen, sehr befremdlich. Man bewegt sich ja nicht selbst, also was soll einem das bringen? Um das zu verstehen muss man sich auf die virtuelle Welt einlassen, wie sie gedacht ist. Das bedeutet, man bewegt sich durch diese Welt, wie durch die reale Welt und verhält sich den Situationen entsprechend. Statt bei einer Unterhaltung nur in der Gegend zu stehen, setzt man sich halt irgendwohin und statt nur Musik in einem Club zu hören, tanzt man eben dazu. Und wenn man das ein paar mal gemacht hat, dann fällt es einem auch gar nicht mehr auf, sondern sieht es als vollkommen normal an.

Nur durch dieses Verhalten wird eine virtuelle Welt wirklich mit Leben gefüllt. Und mal unter uns.... im RL konnte ich noch nie so gut tanzen, wie mein Ava das kann.

 

Doch zurück zum Miami Vice, in dem ich sehr schnell Stammgast wurde. Dadurch, dass ich dann mehr oder weniger jeden Abend dort abtanzte, traf man bestimmte Leute öfter, man chattete öffentlich und schrieb dann auch mal nette Leute direkt an. So lernte ich dort viele nette Menschen kennen, mit denen ich zum Teil heute noch befreundet bin und ein Teil davon, gehört auch heute zu meinem Team.

 

Nachdem ich dann eine ganze Weile Stammgast war, sprach mich die damalige Managerin des Clubs an, ob ich nicht auch Lust hätte, dort Manager zu werden. Einen Abend am Wochenende Gäste begrüßen, sich mit ihnen unterhalten und wenn es sein muss, dann auch mal einen störenden Gast entfernen. So sprach ich mit der Chefin, die mir alles erklärte und entschied mich, das zu machen.

Und so bin ich auch heute noch Manager im Miami Vice.

Meine Musik und Second Life

 

Wie ich zu SL kam, habe ich ja schon oben beschrieben. Der Grund war, mit meiner Musik aufzutreten. Hintergrund ist, dass jeder Künstler, der seine Werke präsentieren möchte, einen Weg finden muss, dies zu tun. Jeder Künstler hat da andere Vorraussetzungen, aber für mich persönlich ist SL dafür perfekt. In der ersten Zeit hatte ich dieses Ziel ein wenig aus den Augen verloren. Es war zwar immer im Hinterkopf, aber es gab ja noch so viel anderes zu entdecken, was SL ausmacht.

Diese Entdeckungsphase war aber auch wichtig für mich, um mit einiger Erfahrung das erste Konzert angehen zu können. Es musste einiges organisiert werden, eine Bühne und die passende Umgebung musste ich aufbauen, Instrumente und Lichteffekte anschaffen und aufstellen, Partikeleffekte aussuchen, ein Tipjar musste her und ein paar Tanzanimationen, ich brauchte einen Streamingdienst für die Musik und die Musik selbst natürlich.

Und dann war es soweit - mein erstes Konzert konnte aufgeführt werden. An meiner Seite damals Yalina Naidoo, die ein zweites Keyboard übernahm, mal am Schlagzeug saß und einige Tänze zum besten gab. Das Publikum bestand aus einigen Freunden, die ich eingeladen hatte. Es war nicht gerade voll aber am Ende waren glaube ich 13 Leute da. Das ist nicht viel, aber fürs erste Konzert war ich zufrieden, auch weil es einen riesigen Spaß machte.

Ausschnitte aus diesem Konzert gibt es hier zu sehen.

 

Es blieb dann für eine ganze Weile bei diesem einen Konzert, aber mir kam dann eine zusätzliche Idee. Warum nicht Musikvideos in SL drehen? Das setzte ich dann mit einem Track aus meinem zweiten Album um. Dabei entstand dann auch das Team, das mich heute bei meinen Videos und Auftritten unterstützt, wobei sich die Besetzung des Teams über die Zeit verändert hat. Zu meinem zweiten Album entstanden dann weitere Musikvideos und es gab dieses mal 3 Konzerte dazu. Bei allen Konzerten waren etwa 15 bis 20 Zuschauer anwesend. Also schon mal eine kleine Steigerung.

 

Doch dann passierte etwas entscheidendes, eine Art Meilenstein um über den Bereich der Freundesfreunde hinaus bekannt zu werden. Ich las im Blog Echt Virtuell von Maddy Gynoid, dass es ein Casting für Musiker fürs SL13B (eine offizielle Veranstalltung zum 13. Geburtstag von Second Life) geben wird. Nach kurzer Überlegung kam ich zu dem Schluss, "was habe ich zu verlieren?" und meldete mich an.

 

Dieses Casting war dann auch eine spannende Sache, da es über 2 Tage ging und sehr viele gute Musiker anwesend waren. Ich wählte für unseren Auftritt einen Track aus dem zu der Zeit in der Entstehung befindlichen dritten Album White Angel aus. Passend dazu trat ich in einer Mönchsrobe auf, während meine beiden Tänzerinnen (Mary Memory und Sumsum Larnia) als die namensgebenden weißen Engel performten.

Es zogen dann einige Tage ins Land, bevor wir Bescheid bekamen. Ja... wir hatten es geschafft. Und so kam es zu unserem ersten richtig großen Auftritt auf dem SL13B Festival.

Einziger Nachteil, die Uhrzeit. Unser Auftritt war für 4:30 Uhr morgens an einem Montag angesetzt. Aber da mussten wir nun durch. So eine Chance sollte man sich nicht entgehen lassen. Die Uhren in Kalifornien ticken nunmal anders. Wir spielten an diesem Morgen vor mehr als 50 Besuchern.

Ein Video zu diesem Auftritt gibt es hier.

Seitdem hat sich eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Man wurde gesehen und es folgten weitere Anfragen. Dadurch ergab sich sehr schnell ein Auftritt bei einem weiteren großen Event, dem Shivers Unleashed Festival 2016, bei dem wir kurzfristig einspringen konnten, da es eine Absage gab. Dazu kann man ein Video von mir hier sehen und eins von Shivers Production, in dem alle Musiker vom Freitag Abend der Veranstalltung zu sehen sind, an dem wir gespielt haben, hier.

Vom Samstag und Sonntag des Festivals gibt es auf dem Shivers-Kanal weitere Videos.

 

Weitere Auftritte sind schon in Planung und können über Events eingesehen werden.

 

 

 

Die Menschen hinter den Avataren

 

Wenn man noch nie etwas mit Second Life zu tun hatte (oder einer anderen virtuellen Welt), dann kommt man leicht auf den Gedanken, dass sowas nur eine Spielerei ist. Man hat im Kopf, dass man einen Avatar steuert, wie eine Figur in einem Spiel.

In einer virtuellen Welt ist es aber mehr als das. Es gibt auch Menschen in SL, die ihren Avatar genauso betrachten. Aber nach meiner Erfahrung ist das bei den meisten (und auch bei mir) anders.

Mein Avatar, das bin ich. Ja, er sieht anders aus als ich, aber er ist meine Verbindung in eine andere Welt. Und wie er aussieht, dafür bin ich verantwortlich. Genauso dafür, wie er sich bewegt, wie er auftritt, was er tut und was er sagt.

Und das wichtigste - ich bin dafür verantwortlich, wie ich mit den anderen Menschen in SL umgehe. Nicht mit ihren Avataren, sondern mit den Menschen, die irgendwo in der Welt an ihrem PC sitzen.

Da unterhält man sich mit jemandem, der unter Umständen tausende von Kilometern entfernt ist und ist in SL doch ganz nah bei ihm.

Und irgendwie ist die Beurteilung seines Gegenübers in SL viel ehrlicher, als im realen Leben. Zwar fühlt man sich durchaus auch zu schönen Avataren hingezogen, aber es geht dabei nicht um ihr Aussehen im Real Life, für das sie zum großen Teil ja nichts können, sondern es geht dabei um den Geschmack des anderen, was eigentlich viel mehr über die Person aussagt.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt, den ich in einer virtuellen Welt wie SL sehr positiv finde, ist, dass dort Menschen sind, die Dinge tun können, die sie im wahren Leben nicht tun können. Jemand der im Rollstuhl sitzt, kann ohne Probleme tanzen gehen und sich dabei genauso fühlen, wie alle anderen an diesem Ort. Er unterscheidet sich in nichts von ihnen.

Auch Menschen, die sonst Probleme mit sozialen Kontakten haben oder andere psychische Probleme, können oft in SL ganz anders auftreten.

SL ist an der Stelle in meinen Augen sehr hilfreich und ich glaube auch, dass die Wirkung über SL hinaus ins reale Leben übergeht.

 

Als ich in SL anfing, haben mich viele gewarnt, dass ich aufpassen soll, weil es viele Idioten in SL gibt. Meine Erfahrung ist aber die, dass es in SL genauso viele Idioten gibt,

wie im realen Leben auch (daher kommen sie ja auch ursprünglich).

Und ziemlich sicher ist auch, wer im realen Leben ständig in Dramen verwickelt ist, der wird es in SL auch sein. Es liegt in den meisten Fällen nämlich an einem selbst und nicht an den anderen, was mit einem passiert.

Ein wenig Menschenkenntnis schadet natürlich nicht, aber eine Garantie nicht an Idioten zu geraten, gibt es in SL genauso wenig, wie im RL.

 

Meine eigenen Erfahrungen sind aber zu allergrößten Teilen sehr positive und ich möchte viele Menschen, die ich in SL kennengelernt habe, nicht mehr missen.

Und auch im Real Life muss man erst mal Menschen finden, auf die man sich so verlassen kann, dass sie für einen um 4 Uhr morgens aufstehen um an einem virtuellen Konzert teilzunehmen.

Solche Menschen habe ich zum Glück kennengelernt, worüber ich sehr froh bin.

Und so kann ich nur jedem raten, der unschlüssig ist, ob er sich mal auf Second Life einlassen soll - probiert es aus. Sonst verpasst ihr unter Umständen eine tolle Erfahrung.

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